WAZ solls?

WAZ solls?
  • die waz-mediengruppe befindet sich in der “restrukturierung” . und sie blogt auch darüber (kurze zwischenfrage an den pottblogger und die ruhrbarone: war das schon immer der erste eintrag? ich meine, ich hätte da auch schon was anderes mit älterem datum gelesen *am kopf kratz*). … aber einmal von vorne: die waz-mediengruppe (hier nur bezogen auf waz, nrz, wp und wr) macht verluste und will bzw. muss sparen. die frage ist: was will die waz-mediengruppe gegen die verluste unternehmen - und warum erfährt man davon in den waz-blättern nichts?

    das erwartet euch:

    1. die fakten zur waz-krise,
    2. kritik an den plänen - ohne vwl-kenntnisse, dafür mit sachverstand (hoffe ich),
    3. kritik an der kommunikationspolitik der waz-mediengruppe.

    die zeit schreibt darüber, der branchendienst dwdl berichtet, selbst meedia (primär eine riesige mediensuchmaschine, bei der man übersichtlich aktuelle auflagenzahlen vergleichen kann, dazu gibt es noch artikel rund um medien, wie bei dwdl) schreibt über das waz-sparpaket.

    einschub: bei meedia gibt es auch eine vernichtende blattkritik, pottblogger jens matheuszik konnte don alphonso interviewen und bekam über derwesten ebenfalls wenig positives zu hören.

    die fakten

    die tagesauflage aller tageszeitungen lag laut ivw im dritten quartal 2008 bei 23.624.630 verkauften exemplaren, das sind 2,66 prozent weniger als im vorjahreszeitraum. die auflage der waz-titel sank im gleichen zeitraum um 3,24 prozent auf 845.073 verkaufte exemplare1. der einzige titel der waz-mediengruppe im ruhrgebiet, der noch gewinn macht, ist die waz. die waz kann aber die verluste der anderen zeitungen nicht auffangen; für dieses jahr rechnet die unternehmensberatung schickler mit einem verlust für die waz-mediengruppe in nrw von elf millionen euro und nimmt für 2009 verluste von 20 bis 30 millionen euro an.

    erste gegenmaßnahmen wie die zusammenlegung der redaktionen im kreis recklinghausen zur ausgabe “vest” wurden bereits getroffen, sind aber nicht ausreichend. deshalb beriet schickler die geschäftsführung des gesamten konzerns unter leitung von bodo hombach und christian nienhaus und präsentierte am 5. dezember ein konzept zur verbesserung der finanziellen situation des verlags, übersichtlich, wenn auch verknappt präsentiert auf den im waz-blog zu findenden folien (pdf)2.

    herzstück dieses konzepts sind massive einsparungen in den mantelredaktionen und den lokalredaktionen. laut schickler koste eine seite im mantel der waz 1676 euro, selbst der am günstigsten produzierte mantel der westfalenpost koste mit 752 euro immer noch mehr als der branchendurchschnitt von 700 euro. für eine lokalseite sei ein preis von 275-300 euro üblich, abgesehen von der westfalenpost liegen alle waz-titel darüber, die waz ist mit 496 euro am teuersten.

    das ende des waz-modells: - 68 stellen

    die zeit der unabhängig in einem verlag nebeneinander arbeitenden zeitungen geht bei der waz-mediengruppe, die dieses modell geprägt hat, zu ende. die unternehmensberatung schickler schlägt vor, ein 85-köpfiges “content desk” zu installieren, welches artikel für den mantelteil produziert und an die einzelnen titel liefert. in dieser übergeordneten mantelredaktion sollen womöglich zehn der redakteure speziell für das online-angebot derwesten abgestellt werden. die jeweils 14 mann starken titelredaktionen von waz, wr und nrz liefern ihrerseits regionale beiträge an das content desk. sie können sich aus den gesammelten beiträgen der mantelredaktion eine mantelausgabe zusammenstellen und darüber hinaus eigene kommentare und regionalseiten verfassen. das endgültige aussehen der titelseiten liege bei den chefredakteuren. schickler hofft auf erhebliche kostensenkungen durch “synergieeffekte”, also die einsparung von redakteuren und korrespondenten, die sich bisher für verschiedene blätter mit dem gleichen themengebiet befassen.

    die sonderrolle der westfalenpost

    die westfalenpost soll, auch zur überprüfung des erfolgs des neuen waz-modells, als heimatzeitung aufgezogen werden: auch hier soll die mantelredaktion verkleinert werden, überregionale meldungen sollen von agenturen kommen, regionale meldungen von den lokalredaktionen, insgesamt soll der anteil regionaler meldungen im mantel steigen.

    die alternative: das horrorszenario?

    die westfälische rundschau scheint der titel mit den größten verlusten zu sein. als alternative zum synergiekonzept mit content desk regt die unternehmensberatung schickler die auflösung der wr-redaktion an. statt der schaffung einer neuen mantelredaktion solle die waz-redaktion in ihrer jetzigen stärke den mantel für alle zeitungen abgesehen von der wp liefern, die nrz solle ihn noch gestalten dürfen, die wr solle ihn übernehmen, die wr-lokalausgaben bestünden dann nur aus wp- und waz-artikeln, was in manchen städten und gemeinden den aufbau von waz- oder wp-redaktionen oder den zukauf von artikeln der konkurrenz erforderte.

    hin zum monopol: - 207 stellen

    einige wenige städte werden derzeit von zwei voneinander unabhängigen waz-titeln beliefert, das soll sich nach dem willen der unternehmensberatung ändern: die redaktionen beider titel sollen zusammengeführt werden. insgesamt acht bis zwölf produktions-desks sollen künftig mit den von den lokalredaktionen zugelieferten inhalten die lokalausgaben gestalten, der umfang der lokalausgaben soll dennoch nicht sinken. auch hier soll es speziell für derwesten abgestellte redakteure geben. mit diesen maßnahmen könnten die ausgaben um 14,5 millionen euro gesenkt werden.

    sparen, bis es quietscht

    für manche lokalredaktionen sieht die unternehmensberatung schickler auch nach den kostensenkungen keinen rentable zukunft, unter anderen die waz vest, die nrz düsseldorf und die wr im märkischen kreis. als mögliche handlungsalternativen empfiehlt sie mehr werbung für die lokalteile, kooperation mit mitbewerbern oder rückzug aus dem gebiet. bodo hombach, geschäftsführer der waz-mediengruppe meint dazu, “die aufgabe eines standortes wäre ein versagen aller, ein rückzug verlegerisch falsch.”, so dwdl.
    letztlich sieht es so aus: bei den mantelredaktionen könnten mir verzicht auf dpa als nachrichtenagentur 7,6 millionen euro eingespart werden, umstrukturierungen bei den lokalredaktionen brächten weitere 14,5 millionen euro und “anpassungen” beim seitenumfang sparte zusätzliche 5,5 millionen euro, insgesamt ließen sich also etwa 27,6 millionen euro - und 275 stellen - einsparen.

    kritik an den sparplänen

    die waz-gruppe will also redaktionen zusammenlegen, wo es zwei von ihnen in einem ort gibt. in gemeinden, wo es neben diesen beiden zeitungen sonst nichts gibt, ist das bitter, weil eben doch die qualität darunter leidet, wenn es nur einen artikel zu einem ereignis gibt. die erfahrung konnte ich in herne zu genüge machen, hier gibt es nur die waz und sonst nichts. wenn jetzt aber zwei zeitungen, beide noch formal existent, plötzlich phasenweise dasselbe schreiben, dann war es das mit meinungsvielfalt - und während man auf bundesebene durchaus noch andere zeitungen aus anderen verlagen hat und es auch im internet reichlich informationsquellen gibt, sieht es im lokalen düster aus: eine gedruckte meinung, in der regel kein professionelles, gut recherchiertes internetangebot als alternative. für jemanden, der sich eine fundierte meinung bilden möchte, reicht es eben nicht aus, sich auf eine quelle berufen zu können. das dazu.

    wenn jetzt aber ein viertel der redakteure in den mantelredaktionen eingespart werden sollen, dann werden 25 prozent weniger meinungen vertreten; wenn statt vier asien-korrespondenten nur einer überlebt, dann verschwinden drei andere perspektiven, für manche haben eben diese berichte, haltungen und schreibstile ihre zeitung erst interessant gemacht, das wird verloren gehen.

    der waz-lokalteil “unser vest” ist mahnendes beispiel: erst sank die redakteurs- und redaktionenzahl (statt einzelner lokalausgaben wurde hier sozusagen das newsdesk-modell erprobt), dann wurden die artikel pro gemeinde weniger. “es mag ja sein, daß der dattelner sich noch für geschehnisse in oer-erkenschwick und waltrop interessiert - aber ob das einen marler interessiert, mag zu bezweifeln sein.“, schrieb jens matheuszik vom pottblog anlasslich der einführung des lokalteils “unser vest” anfang 2007 und er scheint damit recht behalten zu haben, die verkaufte auflage ist jedenfalls im kreis recklinghausen überdurchschnittlich rückläufig: wie die waz-gruppe vom dritten quartal 2006 bis zum dritten quartal 2008 rund acht prozent ihrer auflage einbüßte, ging der verkauf im kreis recklinghausen um fast 30 prozent zurück. ob sich die waz-mediengruppe mit ihren sparplänen letztlich nicht selbst ein bein stellt, wird die zukunft zeigen müssen.

    vor allem stellt sich mir die frage: wohin mit den scheinbar überflüssigen redakteuren? da haben wir demnächst 250 redakteure ohne job, wenn ich das richtig sehe. bilden die dann newsdesks, die teure lokalredaktionen bei bedarf ersetzen, wie es in münster der fall war?

    kritik an der waz-kommunikation

    eines ist klar: bezüglich der sparpläne bei der waz-mediengruppe betätigen sich die redaktionen als gatekeeper: kein wort davon an die öffentlichkeit. das regelt die geschäftsführung schon, die redet, wenn auch nicht zu den waz-titeln. information über die waz-kürzungspläne gibt es für waz-wp-wr-nrz-abhängige nur gegen eigenrecherche und - bis auf wenige ausnahmen - auch nur im internet.

    immerhin gibt es ein blog, selbstbeschreibung: “[wir wollen; dogma] mit diesem blog versuchen, (…) einen informationskanal zu nutzen, der eine alternative zu pressemitteilung und flurfunk darstellt.” mehr ist das ding aber auch nicht. djure meinen sagt trefflich: “die waz mediengruppe bloggt wie ausgedruckt” und dem ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen. nur eine kleine analyse der bisherigen einträge:
    11 beiträge seit ende oktober, 6 davon sind briefe der geschäftsführung an die belegschaft, in denen für außenstehende NICHTS erklärt wird, was den wazlern ein begriff sein kann, insgesamt 13 kommentare, auf die seitens der autoren nicht eingegangen wird - außer der veröffentlichung der verlautbarungen der geschäftsführer scheinen die nichts zu tun.

    im waz-protestblog ist deutlich mehr los: allein auf die stellungnahme des waz-ressortleiters innenpolitik, norbert robers, der stellvertretend für die redaktion die indiskretionen geißelte, regierten bisher über 30 nutzer, darunter anscheinend viele redakteure, die sich nicht von robers vertreten sehen wollten.

    es sollte die waz-redakteure schmerzen - auch wenn bodo hombach ein “wir-gefühl” einfordert - aber ihre arbeit wird derzeit von bloggern, allen voran pottblogger jens matheuszik, übernommen: er interviewte eine lokalredakteurin zu den waz-sparmaßnahmen, sprach mit don alphonso über die qualität des webauftritts derwesten und schrieb immer wieder über die aktuellen entwicklungen in der waz-krise. weiterhin wichtig zur information: das waz-protestblog, initiiert vom deutschen journalistenverband nrw und der deutschen journalistinnen und journalisten union. hier wird wenigstens diskutiert. ebenfalls sollte man 50hz nicht unerwähnt lassen und - gerade für ruhris eine immense bereicherung, nicht nur jetzt zu den waz-plänen - die ruhrbarone.

    mit diesem empfehlungen bedanke ich mich für die aufmerksamkeit und wünsche noch einen schönen tag,
    dogMA

    ps: der titel ist einem blog entliehen, das bis zum 9. november aus der waz über die vorgänge rund um die waz schrieb.

    1. die zahlen gibt es bei der ivw oder - übersichtlich aufbereitet - bei meedia [↩]
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